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Auf dem Weg zu mehr Eigenverantwortung

An der Landesberufsschule „Emma Hellenstainer“ läuft seit Beginn des Schuljahres 2013/14 das Pilotprojekt „Lernen in Eigenverantwortung“, an dem 6 Schulklassen teilnehmen.

Hauptziel des Projektes ist – wie schon der Name verrät – die Erziehung zum eigenverantwortlichen Lernen. Die SchülerInnen lernen Schritt für Schritt sich ihre Lernzeit einzuteilen und entscheiden innerhalb klarer Rahmenbedingungen selbst wann, wo, was und mit wem sie lernen. Die Möglichkeit selbst zu entscheiden und der geringere Druck während des Arbeitsprozesses steigert die Motivation und Freude am Lernen.

Methodisch-didaktisch umgesetzt wird das Projekt mit offenen Lernformen was dazu führt, dass die SchülerInnen nicht ständig unter der unmittelbaren Aufsicht einer Lehrperson stehen, sondern sich innerhalb der Schule in einer klar definierten Zone relativ frei bewegen können. Durch die Verwendung von 3 Niveaustufen wird sichergestellt, dass starke SchülerInnen gefordert werden und leistungsschwächere SchülerInnen Lernerfolge erzielen.

Die Lehrpersonen schlüpfen durch die teilweise Auflösung des klassischen Unterrichts zunehmend in die Rolle von LernberaterInnen, die die SchülerInnen dabei unterstützen, ihren eigenen Lernweg zu finden. Um dieser Anforderung gerecht zu werden absolvieren alle Lehrpersonen eine intensive Coaching-Grundausbildung. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass mehr Zeit für Gespräche und Begegnungen zwischen Lehrenden und Lernenden zur Verfügung steht und eine intensivere individuelle Betreuung möglich ist. Außerdem waren bisher im Vergleich zu den Vorjahren so gut wie keine Disziplinarmaßnahmen nötig.

Die Notwendigkeit einer intensiveren Betreuung der SchülerInnen in sogenannten „Brennpunktklassen“ hat dazu geführt, dass sich eine Gruppe von Lehrpersonen der Hellenstainer auf die Suche nach möglichen Lösungen gemacht hat, um den vielfältigen Anforderungen gerecht zu werden. „Vor allem in den ersten Klassen gab und gibt es schwierige SchülerInnen“, so Brigitte Gasser Da Rui, Direktorin der Hellenstainer. „Ihre Schulkarriere war von Misserfolgen gekennzeichnet, sie haben Lern- oder Disziplinschwierigkeiten und manche wollen endlich arbeiten dürfen. Wenn in einer Klasse mehrere solcher SchülerInnen saßen, kam es durchaus zu gruppendynamischen Entwicklungen, die uns an unsere Grenzen und darüber hinaus führten.“

Die 6 Klassenräte der Brixner Landesberufsschule haben sich auf einen spannenden Weg gemacht. Sie sehen im Pilotprojekt einen möglichen Ansatz um individualisiertes Lernen und Lehren zu verwirklichen. Natürlich schlägt den wagemutigen Lehrpersonen nicht nur helle Begeisterung entgegen. Es gibt besorgte Stimmen seitens einiger Eltern und auch der SchülerInnen, denn Veränderung macht unsicher und viele vermissen den altvertrauten Unterricht. Außerdem empfinden es einige vermutlich bequemer, sich einfach von den Lehrpersonen mit Informationen berieseln zu lassen. Auch einige Wirtschaftsvertreter reagieren skeptisch und befürchten, die Schüler würden nun nichts mehr lernen, wenn sie ihr Lernen eigenverantwortlich organisieren müssen (oder dürfen). Andererseits fordert gerade die Wirtschaft von den berufsbildenden Schulen, die SchülerInnen zu mehr Eigenverantwortung zu erziehen, Engagement zu fördern, sie also aufs Berufsleben vorzubereiten.

Klar ist, dass diese Art des Lehrens und Lernens alle Beteiligten vor beträchtliche Herausforderungen stellt: Die Lehrpersonen müssen ihren Unterricht umstellen, den SchülerInnen Freiräume zugestehen und bestimmt Dinge einfach zulassen. Die SchülerInnen hingegen müssen lernen, mit diesen Freiräumen umzugehen, ihr Lernen selbst zu organisieren und die Verantwortung für den eigenen Lernerfolg zu übernehmen.

Wenn das gelingt, werden wichtige Schlüsselkompetenzen trainiert und die SchülerInnen optimal auf ihr zukünftiges Berufsleben vorbereitet. „Wir haben uns auf den Weg gemacht“, sagt Brigitte Gasser Da Rui, „und hinter jeder Kreuzung treffen wir auf Unerwartetes. Schule ist eine schöne, spannende Herausforderung und wir alle lernen nie aus.“

Dr. Elisabeth Stürz